Grafische Darstellung einschalten

Ärztezeitung

30.05.2003

Positivliste wäre fatal für viele Patienten

Diabetes-Union und Gefäßliga warnen vor negativen Folgen / Zahl der Amputationen würde deutlich steigen

FRANKFURT/MAIN (fuh). Sie sind sich absolut sicher: Käme die Positivliste tatsächlich, wie sie bisher vorgesehen ist, dann würde das fatale Auswirkungen auf die Versorgung vieler Patienten haben, zum Beispiel auf die Versorgung von Diabetikern und Menschen mit Gefäßerkrankungen.

Professor Curt Diehm, Präsident der Deutschen Gefäßliga, und Professor Eberhard Standl, Präsident der Deutschen Diabetes-Union, lassen keinen Zweifel: Diese Liste darf nicht akzeptiert werden!

"Sie ist ein Musterbeispiel für staatliche Gängelung und bedeutet einen massiven Eingriff in die Therapiefreiheit der Ärzte", sagte Diehm bei einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main.

Bewährte und erprobte Medikamente - Prostaglandin E1 und Naftidrofuryl etwa - sind nach dem jetzigen Stand nicht auf der Positivliste. Für Patienten mit peripherer, atherosklerotisch bedingter arterieller Verschlußkrankheit würde es somit kein einziges Medikament mehr geben, das von der Kasse bezahlt wird.

Oberschenkel-Amputation kostet 80 000 Euro

"Man muß kein Prophet sein", sagt Diehm: "Häufigkeit und Schwere der Gefäßerkrankungen werden drastisch zunehmen. Denn wenn es keine Medikamente mehr auf Schein gibt, dann gehen die Patienten nicht mehr zum Arzt." Die Versorgung sehr schlecht werden. Und zugleich, sagt Diehm, würde die Zahl der Amputationen beträchtlich steigen. Das würde, ganz abgesehen vom individuellen Leid der Patienten, auch gravierende ökonomischen Folgen haben. Die direkten Kosten einer Oberschenkel-Amputation zum Beispiel belaufen sich auf weit über 80 000 Euro - weitere Kosten für die Rehabilitationsmaßnahmen und für medikamentöse Behandlung nach einer Amputation sind in dieser Summe noch gar nicht enthalten.

Die Sorgen von Professor Eberhard Standl sind kaum geringer. Der ausgewiesene Diabetes-Spezialist und Präsident der Diabetes-Union warnt davor, daß sich die Versorgung von Diabetikern in Deutschland mit der Einführung der Positivliste drastisch verschlechtern würde.

Seine größten Bedenken:

Nicht alle Blutzucker-senkenden Tabletten sind auf der Liste enthalten. Es fehlen Alpha-Glucosidose-Hemmer, die dazu beitragen können, nicht nur Diabetes, sondern auch Herzinfarkte zu verhindern.

Für die Lipide-senkende Therapie ist auf dem aktuellen Entwurf der Liste neben den Statinen lediglich das Fibrat Gemfibrozil verfügbar. Aber, sagt Standl: "Wir benötigen unbedingt Alternativen!"

Für die Behandlung von Patienten mit schmerzhafter Diabetes-Neuropathie stehen nur Anti-Epilepsie-Mittel und Antidepressiva zur Verfügung.

Es habe bei der Zusammenstellung der Liste überhaupt keine Transparenz gegeben, bemängelt Standl. Auf Basis welcher evidenzbasierter Tatsachen sind eigentlich Entscheidungen getroffen worden, fragt er, "warum wurde einmal so und einmal so entschieden?"

Im übrigen: Listenmedizin garantiere weder Sicherheit noch Kostensenkung, kritisiert er. Sie schaffe nur neue Hürden für Innovationen, sie unterliege kosten-opportunen Entscheidungen von Politikern, "und die orientieren sich nicht an den Bedürfnissen von Patienten".

Gefährliche Rationierungseffekte

Diehm und Standl bekommen Unterstützung aus Politik und Wissenschaft. Der frühere Bundessozialminister Heiner Geißler etwa warnte in Frankfurt vor Ausgrenzung von kranken Menschen und einer Zwei-Klassen-Medizin. Und Gesundheitsökonom Peter Oberender befürchtet gefährlichen Rationierungseffekte, wenn die Liste tatsächlich kommen sollte.

Diehm und Standl wollen weiterkämpfen, sie haben die Hoffnung nicht aufgegegeben, daß noch etwas zu retten ist. "Es geht hier nicht um irgendeine Form von Lobbyismus", sagt Diehm, "es geht darum, daß Millionen von Patienten auch in Zukunft angemessen versorgt werden."

Artikel im PDF-Format herunterladen

Zurück zur Übersicht



Seitenanfang


Flagge Umschalter deutsch Flagge Umschalter englisch